Die Stadt im Mittelalter

Das mittelalterliche Brügge

Buchauszug

Wie frei macht Stadtluft?

"Stadtluft macht frei" lautet ein altes Sprichwort. Es hat seinen Ursprung im Mittelalter, als sich langsam Städte bildeten, in denen die Menschen freier leben konnten als auf dem Land. Der Ursprung der Unfreiheit war die strenge Ständeordnung des Mittelalters. Die meisten Menschen lebten als unfreie Leibeigene ihres Herrn auf dem Land.

Die Ständeordnung

Den ersten Stand bildeten die Adligen. Den zweiten Stand bildeten Angehörige der Kirche, der Klerus. Der dritte Stand setzte sich aus Bauern und Arbeitern zusammen. Der größte Teil der Angehörigen des dritten Standes war unfrei und einem Dienstherrn unterstellt. Sie durften sich nicht frei bewegen, konnten nicht in einen höheren Stand aufsteigen, mussten den größten Teil dessen, was sie erwirtschafteten, an den Dienstherrn abgeben und waren seiner Willkür ausgeliefert. Sie gehörten praktisch ihrem Herrn vergleichbar mit Sklaven. Freie Dienstherren waren nur Personen aus den ersten beiden Ständen. Sie besaßen Grund und Boden.

Entstehung der Städte

In der Regel spielte sich das Leben auf dem Land ab. Zentren bildeten dabei die Sitze der Dienstherrn, also Burgen, Klöster und Königliche Paläste. An diese Zentren siedelten sich im Laufe des 11.und 12. Jahrhunderts immer mehr Menschen an, so dass sich kleine Städte bildeten. Diese Menschen stammten ursprünglich aus dem dritten Stand und hatten sich von ihrem Herrn freigekauft oder waren ihm davongelaufen. Grund und Boden besaßen sie nicht. Sie versuchten, sich als Handwerker oder Kaufleute ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Den Dienstherren gelang es nicht, ihre Leibeigenen in den Städten zu suchen und wieder zurückzuholen. Daher setzte es sich durch, dass Unfreie, die ein Jahr und einen Tag in einer Stadt lebten, zu Freien wurden. So entstand der Spruch "Stadtluft macht frei".

Die Stadt Brügge

Auch in der Region Flandern, das liegt im heutigen Belgien, machte Stadtluft frei. Flandern reichte damals von der Maas bis an den Atlantik. Die bedeutendste Stadt in dieser Region war Brügge. Auch Brügge bestand ursprünglich aus einer Burg aus dem 9. Jahrhundert und den dazugehörigen Siedlungen. Diese Burg gehörte dem Grafen von Flandern. Er war durch Geburt der Landesherr Flanderns und Brügges. Er wurde nicht gewählt. Die Herrschaft über Flandern wurde vom Vater an den Sohn weitervererbt. Durch Kriege oder Heirat konnte der Landesherr wechseln. Die Herrschaft entbehrte also einer demokratischen Legitimation. Auf Herrschaftswechsel hatte das Volk keinen Einfluss. Zudem bedrohte ein Herrschaftswechsel die Unabhängigkeit der Städte und damit auch ihre Gesellschaftsordnung mit den demokratischen Elementen. Ein neuer Herrscher würde immer versuchen, Selbstbestimmung zu verhindern und erwirtschaftete Gewinne selbst abzuschöpfen.

Demokratie in der mittelalterlichen Stadt?

In unserem Beispiel von der Fernsehfamilie wäre das so, als ob der Vater der Familie vom Großvater die Fernbedienung geerbt hätte und nun frei darüber verfügen könnte, ohne dass der Rest der Familie Einfluss auf seine Entscheidung hätte. Die anderen Familienmitglieder könnten nur mit Gewalt etwas an ihrer Situation ändern.

Mit Gewalt einen Herrschaftswechsel durchzuführen, versuchten auch die Flamen. So mussten sie sich während dem Hundertjährigen Krieg, konkret z.B. 1302, gegen die Übernahme durch die Franzosen wehren. Flandrische Zünfte ermordeten französische Besatzer im Mai 1302 in der Mette von Brügge. Im Juli des gleichen Jahres besiegten bürgerliche Fußtruppen der Flamen das französische Ritterheer in der Sporenschlacht bei Kortrijk (Courtrai) vernichtend, wodurch es Flandern gelang, seine Unabhängigkeit zu bewahren und vorerst vor der Fremdherrschaft verschont zu bleiben. In der Schlacht kämpften Adel, Patrizier, Handwerker und Bauern gemeinsam. Die Volkshelden Breydel und Coninck sollen an die 7000 Weber und Fleischhauer in den Kampf geführt haben. Auf ihren Einsatz im Kampf begründeten die niederen Stände ein Mitspracherecht, von dem später noch die Rede sein wird.

Das "Venedig des Nordens"

[Brügge war im Mittelalter berühmt
für hochwertiges Tuch]

Flandern war nicht nur in der Schlacht erfolgreich, sondern auch wirtschaftlich. Es war bekannt für die hohe Qualität des dort hergestellten Tuches. Im 13. Jahrhundert wurde in ganz Europa ein reger Handel betrieben. Zunehmend wichtiger wurde der Handel auf dem Seeweg. Dadurch bildeten sich an wichtigen Routen große Handelszentren. Brügge wurde auf Grund seiner geographischen Lage und der hochwertigen Tuchherstellung das bedeutendste Handelszentrum in dieser Region.

 

Es bezog Stoffe aus den umliegenden ländlichen Regionen und verkaufte sie an Händler aus Großbritannien, Italien und Deutschland. Vorteilhaft war dabei der Hafen Brügges, der an der Bucht Zwyn lag, die sogar von den großen Handelsschiffen angefahren werden konnte. Brügge lebte von den ausländischen Händlern. In Brügge wurden alle nur erdenklichen Luxusgüter gegen das teure Tuch getauscht. Brügge besaß internationales Flair, weshalb es auch das "Venedig des Nordens" genannt wird.

Die neue Schicht der Kaufleute

Durch den regen Handel bildete sich die Schicht der Kaufleute heraus. Sie waren freie Bewohner der Stadt, die oft ein Vermögen erarbeiten konnten. Den reichen Bürgern der Städte Flanderns gelang es, dem Grafen von Flandern die Autonomie der Städte und Privilegien für die Städte abzuhandeln. Freiheit und Wohlstand zeichneten Handelsstädte wie Brügge aus. Immer mehr Menschen siedelten sich in Brügge an. Auch die Hersteller des Tuches, Handwerker wie Weber, Walker und Färber zog es vom Land nach Brügge. Die Stadt wuchs und muss über 40.000 Einwohner gehabt haben.

 

Das Bürgertum

In der Stadt bildete sich unabhängig von der ländlichen Ständeordnung eine neue soziale Ordnung. Noch immer war der Landesherr die oberste Instanz, die Kirche hatten einen enormen Einfluss und Adlige besaßen bestimmte Sonderrechte. Aber es waren nur wenige Adlige in den Städten. Die meisten hielten sich auf dem Land auf. Immer mehr Einfluss bekamen nun aber die reichen Kaufleute und Handwerker, die in der Stadt eine neue Schicht, das Bürgertum, bildeten. 

 

Bürgertum im Mittelalter

Innerhalb des Bürgertums muss unterteilt werden in eine kleine, reiche Oberschicht aus reichen Kaufleuten, eine Mittelschicht aus wohlhabenden Kaufleuten und Handwerkern wie z.B. Tuchfabrikanten und eine niedrigere Schicht aus Handwerkern, die gefolgt wird von den Lohnarbeitern.

Die Stadtverwaltung

Da die Bürger der Stadt nicht an einen Dienstherrn gebunden waren, mussten sie sich selbst organisieren. So mussten sie ihre Waren gegen Plünderer schützen, indem sie z.B. Stadtmauern bauten, wie sie heute noch in alten Städten zu finden sind. Um den Bau einer Stadtmauer durchzuführen und zu finanzieren, wurde eine Art Verwaltung gegründet. In Brügge wurde diese selbständige Verwaltung Ende des 12. Jahrhundert eingerichtet. Meistens bildete sich ein Rat, in dem die wichtigsten und reichsten Bürger, in der Regel Kaufleute der Stadt, vertreten waren. In Brügge wurde diese Funktion von einem gewählten Schöffenrat übernommen. Dieser Schöffenrat hatte zugleich die wichtige Aufgabe, über Streitigkeiten zu richten.

 

Demokratische Ansätze

Einrichtungen wie dieser Schöffenrat waren erste demokratische Elemente im Mittelalter, die sich in den Städten herausbildeten. Dennoch entsprachen diese demokratischen Elemente nicht den Anforderungen, die heute an eine Demokratie gestellt werden. Zeitweise war der Grundbesitz Voraussetzung, um wählen zu dürfen. Große Teile der Bevölkerung waren daher von den Wahlen ausgeschlossen. Unter den Wählern gab es auch noch Unterschiede. So erhielten die Wähler je nach Stand unterschiedlich viele Stimmen (Zensuswahlrecht), was zu einer aus heutiger Sicht ungerechten Verschiebung zu Gunsten der ersten beiden Stände führte. Begünstigt durch solche Regelungen und ihren Reichtum bildeten sich in den Städten einflussreiche Kaufmannsfamilien, Patrizier, heraus. Sie bildeten die Oberschicht der Stadt. Zunehmend wurden die Posten in Gremien wie dem Schöffenrat nur noch an die Mitglieder solcher Familien vergeben, die ihre Posten zum Teil zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzten. Dadurch wurde dieses demokratische Element weiter ausgehöhlt. Gegen diese Ungerechtigkeit begannen die restlichen Bürger sich zur Wehr zu setzen. Ein wichtige Rolle spielten dabei die Handwerker.

Zünfte

Zunftmeister

Die Handwerker organisierten sich selbst indem sie sich zu sogenannten Zünften zusammenschlossen. Für jeden Handwerksberuf gab es eine Zunft. Die Zunft überwachte die Herstellung der Produkte. So musste ein Brötchen ein bestimmtes Gewicht haben. Entsprach ein Brötchen nicht dem Gewicht, wurde der Bäcker bestraft.

Die Zünfte sorgten aber auch dafür, dass es nicht zuviel Konkurrenz gab. Sie erschufen strenge Regelungen, die viele Bürger von den handwerklichen Berufen ausschloss. Selbst wer es in eine Zunft geschafft hatte, musste sich der Hierarchie in der Zunft beugen. Auch in den Zünften spielten familiäre Bindungen eine wichtige Rolle. Die Strukturen innerhalb der Zünfte waren also ebenfalls aus heutiger Sicht undemokratisch.

In der Verwaltung der Städte hatten die Zünfte und ihre Mitglieder zu Beginn kein Mitspracherecht. So auch in Brügge. Missernten und das Wüten der Pest verschärften die wirtschaftliche Situation und riefen starke soziale Spannungen hervor. Das führte Mitte des 13. Jahrhunderts zu Revolten in den flandrischen Städten. Die Zünfte setzten sich durch und erhielten ein Mitspracherecht durch Sitze im Schöffenrat oder eine zusätzlich Kammer mit Vertretern der Zünfte. Die demokratischen Elemente wurden dadurch gestärkt und auf einen weiteren Teil der Bürgerschaft ausgeweitet. Nicht berücksichtigt wurden allerdings Handwerksgesellen und Lehrlinge, die auch innerhalb der Zünfte kein Mitspracherecht hatten. Trotz Zusammenschlüssen zu Gesellenverbänden und mehreren Revolten konnten sie sich nicht gegen Adel, Patriziat und Zünfte durchsetzen.

Brügge und Burgund

Margarete von Flandern

Als gegen 1369 Philipp der Kühne, der Herzog von Burgund, die Erbtochter des Grafen von Flandern, Margarete, heiratete, mussten sogar alle Bürger Brügges um Ihre Unabhängigkeit bangen. Sie fürchteten den Verlust ihrer Autonomie und hohe Abgaben an Burgund. Daher kämpften die Städte 1375 im Aufstand der Kommunen darum, eigenständige Stadtrepubliken zu werden. Obwohl Philipp noch nicht offiziell Herrscher über Flandern war, schickte er dem Grafen von Flandern seine Truppen zur Hilfe, wodurch der Aufstand niedergeschlagen werden konnte. Mit dem Tod des Grafen übernahm der Burgunder 1384 die Herrschaft über Flandern.

Obwohl die Bürger Brügges also die Privilegien der Stadt genossen, haben sie lange für ein Mitspracherecht und ihre Autonomie kämpfen müssen. Bestimmte Gruppen, wie niedere Handwerker, Juden und Frauen kamen jedoch nie in diesen Genuss. Und auch diejenigen, die ein Mitspracherecht besaßen, mussten sich vor einem Landesherrn fürchten, den sie nicht frei wählen konnten und der versuchte, ihnen mit Truppen ihre Eigenständigkeit und ihren Reichtum zu nehmen.